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Eine zerlöcherte Gesellschaft


Es ist ein gewöhnlicher Arbeitstag und ich gehe einer betriebsamen Strasse entlang, die zum Grand Arcade – eine überdachte Einkaufsmeile – führt. Die Menschen strömen mir auf dem Gehsteig und später auf dem marmornen Boden entgegen.
Mein Blick fällt immer wieder auf eine eigenartige Modeerscheinung, die uns diesen Sommer in England wieder heimsucht: Löcher.

Löcher in den Jeans von jungen Menschen. Ich kann ihnen verzeihen, denn junge Menschen wollen imponieren. Aber dann sehe ich auch Passanten mittleren Alters mit auffallenden Löchern. Und ich stelle mir vor, es wäre früher. Unvorstellbar, dass jemand vor vierzig, fünfzig Jahren so herumgehen würde, ohne sich in Grund und Boden zu schämen.

Natürlich sind Löcher in den Kleidern keine Neuheit. Letzten Sommer waren die Löcher auch da. Damals fielen mir vor allem Löcher in L-Form auf, die sahen aus, als hätte jemand mit einem Messer das Hosenbein aufgeschlitzt. Aber auch schon vor etwa 30 Jahren, als ich um die 12 Jahre alt war, gab es einmal eine Mode für Löcher in den Jeans (die allerdings nur kurz dauerte). Hinter den Löchern hatten die Kleidermacher noch ein Stück bunten Stoff angenäht – vielleicht aus praktischen und gesundheitlichen Gründen, weil es die Kälte raushielt ...

Heute zählt weder Gesundheit noch Schönheit etwas. Jetzt sind es zerfranste handgrosse Löcher, hinter denen die nackte Haut prangt. Mal sieht man zwei Löcher quer über die Knien, ein anderes Mal unzählige Löcher von unten bis oben über die ganzen Hosenbeine verteilt.

Das sind noch nicht alle zur Schau gestellten Löcher: In den Ärmeln der Blusen und T-Shirts von jeder zehnten Frau sind fein-säuberlich, handgrosse ovale Löcher ausgeschnitten, die am Ende der Schultern beginnen und vor den Ellbogen enden. Weitere Löcher: Jeansjacken mit zerfetzten Rücken. Als hätte ein Dämon in einem Anfall jemandem den Rücken zerreissen wollen.

Im Kleiderladen. Ich streife mit den Händen durch eine Stange mit vergünstigten Damenkleider. Leibchen und T-Shirts mit kleinen Löchern, als wären sie schon Jahrelang getragen oder von Mäusen und Motten angefressen worden. Der Mode zuliebe. Doch die etwas zu saubere Verteilung verrät, dass die Löcher industriell hergestellt sind. Mir fällt das auf, weil bei meinen T-Shirts kleine Löcher auf natürlichen Weg, also vom langen Tragen und Waschen, entstehen.

Was ist mit uns geschehen? Verstehen wir es nicht mehr, den Körper würdevoll, d.h. schön und anständig zu kleiden? Werden wir demnächst in völlig zerfetzten (gekauften) Lumpen herumstolzieren? Dieser Anfall von Löchern in den Kleidern ist doch nurmehr eine Karikatur: wir veralbern uns selbst. Und die Löcher werden immer wilder.

Wer uralte Fotos betrachtet, weiss, dass Löcher in den Kleidern immer ein Ausdruck von Armut oder Vernachlässigung waren. Darum frage ich mich: Langweilt uns heute der Wohlstand so sehr, dass wir uns absichtlich Löcher machen müssen? Fehlt es uns an Askese? Sehnen wir uns nach Bescheidenheit?

Diese fabrizierte „Armut“ ist keine Tugend, wie wir es bei den Mönchen und Nonnen finden: Bei ihnen ist es die freiwillige Armut, die neben der Keuschheit und dem Gehorsam eine von drei Gelöbnisse bildet.

Nein, bei diesen Löchern handelt es sich um eine vorgetäuschte Armut. Eine gekaufte Armut. Eine gefälschte Armut, nicht um des Verzichtswillens, sondern, um des egoistischen Imponieren-Wollens. Nicht aus Solidarität zu den Armen, sondern aus Überdruss und materiellem Überfluss. Ich könnte es dabei stehen lassen, den Kopf schütteln und sagen, wie irrsinnig, sinnlos und dumm diese Mode-Erscheinung ist. Aber ich bleibe nicht beim Kopfschütteln, und suche nach einer psychologischen, vielleicht sogar einer theologischen Erklärung.

Kann es sein, dass diese Löcher doch auf eine gewisse Armut hinweisen? Nicht auf eine materielle Armut. Es fehlt uns an nichts. Wir haben alles im Überfluss. (Und wenn es jemandem doch an etwas fehlt, so hat es genug Menschen um ihn herum, die etwas von ihrem Überfluss abgeben können.) Hier im Westen muss kaum jemand an Hunger und materieller Armut leiden.

Welche Armut kann es denn sein? Es muss eine geistige Armut sein. Mutter Teresa machte uns schon darauf aufmerksam: „Einsamkeit und das Gefühl unerwünst zu sein, ist die schlimmste Armut.“ und „In Indien und anderen unterentwickelten Ländern sind wir materiell arm. In vielen anderen Ländern dagegen, in Europa, Amerika und anderswo, gibt es die geistige Armut.“

Was sind die geistigen Löcher unserer Gesellschaft?

Löcher entstehen da, wo der Vater oder die Mutter fehlt. Kinder, die ohne Vater aufwachsen. Kinder, die zu früh von der Mutter getrennt werden. Ehemänner, die von ihren Ehefrauen verlassen werden, und umgekehrt. Verlassene Menschen fallen in ein „Loch“. Der Mangel an Liebe führt zu geistigen Löchern. Fehlende Väter, fehlende Führung. Fehlende Mütter, fehlende Geborgenheit. Kinder, denen Führung, Schutz und Liebe fehlt, verwahrlosen.

Ein verwahrlostes Kind ergibt einen Erwachsenen mit Mängeln. Denn das, was einem Menschen fehlt, kann er nicht weitergegeben.

So entsteht eine neue Generation mit noch mehr Mängeln. Noch mehr Löcher. Eine zerlöcherte Gesellschaft.

Der grösste Mangel ist der fehlende Gottesbezug. Seit Jahrzehnten, eigentlich seit Jahrhunderten, bis zur Zeit der französischen Revolution zurück, wird dem Volk der christliche Glaube entzogen. Früher wurden in Europa unzählige Klöster der Kirche enteignet, und bis heute wird Propaganda gegen die Kirche betrieben.

Selten wird der christliche Glaube ohne Abstriche weitergegeben. Wo ist die Flamme das Glaubens geblieben? Wo das mutige Bekenntnis? Wo die vorbildlichen Geistlichen? Es gibt sie, ja ... vereinzelt da und dort. Aber es müssten mehr sein! Ohne glasklare und absolut überzeugende Zeugen verliert der Glaube an Kraft. In den letzten drei Jahrzehnten ist dies drastisch geschehen. Die „erzwungene De-Christianisierung“ (Kardinal Müller) und der Glaubensschwund hat zur Folge, dass viele Menschen die Kirche verlassen.

In unserer Gesellschaft ist ein Loch entstanden. Denn ohne Glauben fehlt dem Menschen Tiefe, Sinn und Hoffnung. Dieses Loch versucht man vergebens mit Zerstreuung und Unterhaltung, mit Konsum und nochmals Konsum zu füllen. Dabei wird das Loch nicht ausgebessert, sondern es wird grösser und es vermehrt sich. Eine zerlöcherte Gesellschaft entsteht: Äusserlich sichtbar an den zerschlissenen Jeans, zerfetzten Jacken und zerfressenen T-Shirts.

Aber ein Loch, bietet auch eine Chance. Leere Gefässe können gefüllt werden. Möge der Geist Gottes kommen und unseren Mangel auslöschen, unsere Löcher stopfen und uns füllen mit der Liebe, der Wahrheit und dem wahren Leben, das uns einzig Jesus Christus geben kann.

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