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Am Sterbebett meines Vaters

Es ist nicht leicht, über das Sterben zu schreiben. Und doch gehört es zum Leben dazu. Das Sterben ist ja nur ein Übergang in das andere, ewige Leben.

Es ist Frühling, 2006, als ich den Anruf aus England von meiner älteren Schwester erhalte, die mir sagt, dass es dem Vater nicht gut gehe. Er habe einen Schlaganfall erlitten und liege gelähmt im Spital.

In meiner frühen Kindheit haben meine Mutter, meine vier Geschwister und ich mit dem Vater unter demselben Dach gewohnt. Später lebten meine Eltern getrennt in derselben Stadt, und als meine Mutter mit einer meiner Schwestern und mir in die Schweiz auswanderte, sah ich ihn nur noch bei jährlichen Ferienaufenthalten.

Unser Verhältnis ist, sagen wir, keine übliche Vater-Tochter-Beziehung. Wenn ich mich auch irgendwie mit ihm verbunden fühle – äusserlich gesehen ist unsere Beziehung distanziert. Mein Vater ist nicht wie ein Freund, mit dem man herumalbert, gemeinsam ins Restaurant geht oder stundenlang redet. Eher ist er für mich wie ein König, vor dem man Furcht und Respekt hat; ein Herrscher, mit dem man sparsam Umgang pflegt, mit dem man sich diplomatisch und ohne Emotionen unterhält.

Es sind über zwanzig Jahre vergangen, seit ich als Neunjährige in die Schweiz eingewandert bin. Ich lebe in Chur, der kleinen Hauptstadt Graubündens, die mitten in den hübschen Bergen liegt, ein beliebter Ausgangsort für Ski- und Wanderausflüge. Mein eigener Alltag ist erfüllt mit Familie, Glauben, Kariere – wir haben drei Mädchen, das Jüngste noch keine drei Jahre alt, und mein Mann studiert Theologie, während ich einen berufsbegleitenden katechetischen Kurs besuche. Meine Konvertierung in die katholische Kirche ist so jung wie unsere dritte Tochter.

Die Nachricht über die Verschlechterung der Gesundheit meines Vaters macht mich nachdenklich. Entsprechend meinem Verhältnis zum Vater, bin ich weder überschwänglich besorgt noch vollkommen gleichgültig. Meine Schwestern kritisieren, dass ich nicht häufiger anrufe, um nachzufragen.

Es ist eigenartig, wie manchmal im Angesicht des Todes eines nahen Verwandten, unter den Familienmitgliedern negative Emotionen hervorbrechen. Hat dies mit unverarbeiteten, unterdrückten Frustrationen zu tun oder haben sie recht damit, dass ich mich »mehr kümmern« sollte?

Vermutlich bin ich einfach mich selber und nicht gewillt, künstliche Sentimentalitäten hervorzurufen oder so zu tun, als hätte ich ein durch und durch inniges und tolles Verhältnis zu meinem Vater gehabt, als wäre ich nie Jahrzehnte lang von ihm getrennt gewesen …

Am wichtigsten ist es mir, für seine Seele zu beten und auf Gott zu vertrauen. Mein Vater ist 77 Jahre alt. Wenn nun die Zeit gekommen ist, da er sein irdisches Leben abschliesst, dann nehme ich es als Gottes Willen an.

Da sich seine Gesundheit in den nächsten Tagen nicht bessert, fliege ich mit unserer jüngsten Tochter nach England. Er liegt im Gloucestershire Hospital – im gleichen Krankenhaus in dem ich vor fast 31 Jahren (es ist das Jahr 2006) zur Welt gekommen bin.

Geburt und Tod dicht aneinander – zwei Momente die unser irdisches Leben am deutlichsten markieren. Für mich kommt in dieser Zeit eine weitere tragische Verbindung von Tod und Geburt: zwei Monate nach dem Spitalbesuch erlebe ich eine zweite Fehlgeburt.

Mein Vater liegt im Bett, über das Gesicht eine Sauerstoffmaske. Ein sehr ungewohntes Bild. Er, der immer alles selbst verwaltete, ist jetzt völlig abhängig, völlig einem Schicksal unterlegen, über das er nicht verwalten kann: Das Sterben.

Ich weiss nicht ob er mich hört oder wahrnimmt; ich kann nur erahnen, dass er erkennt, dass ich, seine jüngste Tochter, da bin. Er spricht nicht, seine Augen öffnen sich gelegentlich, aber meistens ist er wie in einem Schlafzustand.

Wie geht man damit um, wenn man sich am Sterbebett des eigenen Vaters befindet? Ich sitze da und denke nach, bete. Einmal nehme ich zögerlich seine Hand. Zögerlich, da ich es ja nicht gewohnt bin, ihm Zuneigung zu zeigen.

So wie ich da am Sterbebett sitze, wird mir bewusst, wie kurz das Leben ist. Für mich hat mein Vater immer existiert, wenn auch meist im Hintergrund. Er ist ein Mann mit einer langen Vorgeschichte, von der ich noch lange nicht alles kenne. In Guyana aufgewachsen, später in den USA gelebt und als lediger, nicht mehr ganz junger Student, nach Europa gekommen, hat er in Bern meine Mutter getroffen und geheiratet.

Aber jetzt am Sterbebett erscheint selbst sein reichhaltiges Leben so eigenartig kurz. Und fast spüre ich, wie die Zeit drängt. Wenn das Leben so kurz ist, soll man es mit möglichst viel Gutem füllen, denke ich. „Was kann ich Gutes tun?“, frage ich mich, denn eines Tages werde ich genauso am Ende angelangt sein und dann mir die Frage stellen, ob ich mein Leben gut verbracht habe.

Meine kleine Tochter und ich nehmen Abschied vom Vater und Grossvater. Wir haben uns einige Tage in Gloucester aufgehalten. Es gab auch heitere Momente, durch die Begegnungen mit Verwandten, und ich durfte wieder einmal meine geliebte Geburtsstadt besichtigen.

Ausserhalb des Spitalzimmers geht das Leben gewohnt betriebsam weiter, der Tod ist aus dem Alltag verbannt, so dass man gar nie an ihn denken müsste. Während der Fahrt im Reisebus, auf dem Weg zurück zum Flughafen, nicke ich ein, erwache dann aber aus einem kurzen, klaren Traum: Ich habe meinen Vater gesehen und er hat mir „Adieu“ gesagt. Intuitiv weiss ich, dass es das letzte Mal gewesen war, da ich und seine Enkelin ihn vor seinem Tod sehen durften.

Zurück in der Schweiz und drei Wochen nach dem Besuch im Spital, erfahre ich, dass ihn der himmlische Vater von seinem Leiden befreit hat.

Die Beerdigung ist eine Mischung aus englischer Tradition, bei der z.B. der Sarg würdevoll in einer Limousine vorgefahren wird und einem nicht unfröhlichen Familientreffen, denn selten kommen alle meine Geschwister und Mutter zusammen; und auch die Begegnungen mit neuen und altbekannten Gesichtern stellt einem irgendwie auf. Zugegen sind auch die zwei Halbgeschwister aus vorehelichen Kontakten des Vaters sowie einige Leute, die sonst mit meinem Vater zu tun gehabt haben. Ein Cousin ist aus New York angeflogen – stellvertretend für alle, mir praktisch unbekannten Verwandten des Vaters.

An Taschentücher habe ich nicht gedacht, doch bei der Abschiedsfeier in der kleinen anglikanischen Kapelle (mein Vater war offiziell anglikanisch, jedoch mehr atheistisch geneigt – aber Gott alleine kennt das Herz eines jeden Menschen) bei der man auch persönlich am Sarg (der nicht offen ist) Abschied nimmt, überwältigen mich die Tränen und ich muss ein gebrauchtes Taschentuch mit meiner Mutter teilen. Jetzt ist es mir umso mehr bewusst: Es ist abgeschlossen, für immer. Ich werde meinen Vater hier auf Erden nie mehr wieder sehen.

Der wichtige Moment am Tod eines Nächsten: der bewusste Abschied. Der Mensch soll dem Tode ins Gesicht sehen und nicht verdrängen. Erst so kommt eine gesunde Verarbeitung in Gang.

Es dürften einige Monate nach der Beerdigung sein, da habe ich wieder einen eindrücklichen Traum: Ich sehe meinen Vater jung und gesund. Sein Haus ist nicht mehr vollgestopft, sondern schön aufgeräumt. Ich deute den Traum so, dass er in den Himmel, bei der ewigen Freude, angelangt ist.

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